Vom Berliner Plattenbau in die Karibik und wieder zurück – meine Erkenntnisse auf dem Weg

Ich bin Sophie. Ein 90er Jahre Kind, das in einer Platte im Südosten Berlins aufgewachsen ist und schon früh den Gedanken hatte: Ich muss hier weg!

Vielleicht dadurch, dass zu Hause „erstklassige“ Musik wie die Gypsy Kings lief, fand ich die spanische Sprache schon immer toll und bat meine damalige Spanischlehrerin sogar um extra Hausaufgaben – was nicht gerade zu meiner Beliebtheit in der Klasse beitrug. Zu Hause übersetzte ich Texte der Gypsy Kings, Santana, Maná und Shakira. Ich begann Flamenco zu tanzen und meldete mich ganz strebermäßig freiwillig beim Tag der offenen Tür meiner Schule um für den Bereich Spanisch Flamenco zu tanzen.

Ich besorgte mir braune Kontaktlinsen, da ich meiner Meinung nach dann wie eine Spanierin oder Latina aussehen würde- mit dem Ergebnis, dass ich einem ziemlich irren und starren Blick hatte und ich die Dinger nach einer Bindehautentzündung in den Müll warf. Trotz aller Versuche, etwas Hispano-Flair in mein Leben zu holen und genauso rassig und selbstbewusst wie eine Spanierin zu sein, klappte es nicht ganz und ich fühlte mich einfach wie ein Fisch an Land.

Nach dem Abi war ich endlich frei!

Ich bewarb mich für einen Freiwilligendienst in Lateinamerika und wurde nach Kolumbien geschickt. In meinem Koffer nahm ich neben Klamotten, Kohletabletten und Nasenspray auch ein Haarteil mit- um noch längere Haare und somit noch mehr wie eine Latina auszusehen! Ich fühlte mich so wohl in Kolumbien und konnte voll und ganz meine Obsession ausleben. Nur leider ging meine Rechnung nicht ganz auf: In Deutschland passte ich nicht ganz rein, in Kolumbien aber auch nicht und war dort wieder „la alemana“. Dabei wollte ich doch nicht Deutsch sein!
Das konnte ich noch toppen: Ich belegte Tanzkurse und übte neben Salsa-Drehungen auch Cumbia, Champeta auch das afrokolumbianische Mapalé, was laut einer Freundin bei mir wie ein „Frosch mit epileptischem Anfall“ aussah. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich einfach ich bin: Sophie, deutsch, sozialisiert in Köpenick. Und was soll ich sagen: Mein Herz schlug höher als ich von meiner Mutter ein Zalando-Paket nach Cartagena zugeschickt bekam, gefüllt mit Tütensuppen, Kinder Schoko-Bons, einer deutschen Frauenzeitschrift und Pumpernickel.

Erst nachdem ich ehrlich zu mir war und auch meine Einstellung zu meiner Herkunft überdachte, fielen mir neben den ganzen tollen Sachen in Cartagena auch negative Aspekte auf: Dass die kolumbianische Regierung zwar Geld in das historische Stadtzentrum investiert um Touristen anzulocken und die ärmere Bevölkerung in den äußeren Bezirken immer ärmer wird, die Kluft zwischen arm und reich in Kolumbien enorm ist, dass oft der Strom oder die Wasserversorgung ausfällt, Müll oft illegal verbrannt wird, es kein Recycling gibt und die Kultur leider immer noch sehr vom Machismo geprägt ist. Um nur einige Dinge zu nennen. Cartagena ist in sogenannte „estratos“ eingeteilt, den sozialen Status zeigende Nummerierungen: 1 = barrio mit Wellblechhütten und hoher Kriminalität bis 6 = Luxus-Wohnungen und schicke Restaurants.
Ich wohnte im Viertel Canapote, estrato 2. So stolzierte ich also auf den sandigen Pfaden im barrio umher, mit meinem Haarteil am Kopf (oder später sogar Extensions als Weiterentwicklung!) und nahm mir ein moto taxi um zusammen mit der anderen deutschen Freiwilligen zu unseren Freunden zu fahren, Cuba libre zu trinken und zu Salsa und Vallenato zu tanzen. So sahen zumindest einige Abende aus. Als Freiwillige half ich im Kindergarten mit, gab Englischunterricht und durfte manchmal mit den Sozialarbeiterinnen einige Familien in der Umgebung besuchen.

Zurück in Deutschland

Dieses Auslandsjahr hat mich extrem geprägt und jeden Moment habe ich sehr intensiv gelebt und erlebt. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland fiel ich in ein emotionales Loch und fand wieder alles an Berlin und Deutschland schrecklich.
Ich begann, Kulturwissenschaften in Frankfurt Oder zu studieren! Ein krasser Unterschied zum tropischen Cartagena! Im dritten Semester reiste ich erneut nach Kolumbien um in Barranquilla zu studieren. Nach dem Bachelor entschied ich mich, nach Mexiko zu reisen und ein Jahr lang in der Deutschen Schule Alexander von Humboldt in Mexiko Stadt zu arbeiten. Und obwohl Mexiko Stadt so riesig ist und man IMMER im Stau steht, liebe ich diese Stadt! Es gibt so viel zu entdecken, so viel Kultur, das schöne Viertel Coyoacán, coole Bars, Veranstaltungen und tacos al pastor! Ich kann gar nicht sagen, welches Land es mir mehr angetan hat!

Um meine Beziehung zu meiner Lieblingsregion noch weiter zu stärken und mein Wissen zu erweitern, studierte ich im Anschluss den Master Lateinamerikastudien. Als Schwerpunkt wählte ich Anthropologie und belegte für zwei Semester einen Maya-Sprachkurs (Ch´ol), mit dem Ziel zur Erstellung meiner Masterarbeit eine Feldforschung in einer Ch´ol Community Mexikos durchführen zu können. Ich war sehr motiviert, da mich alle Themen rund um indigene communities, wie indigene Rechte, Lebensweisen, Territorien, Nutzung von Ressourcen und Kultur beschäftigen. So organisierte ich selbstständig eine Feldforschung im Lacandón-Regenwald im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Für die Begegnungen vor Ort und die offenen Gespräche mit BewohnerInnen der Gemeinde Frontera Corozal und Lacanjá bin ich sehr dankbar. Dadurch weiß ich auch, wie wichtig es ist, dass indigene Gemeinden eine Plattform oder ein Sprachrohr erhalten, um deren Interessen und Rechte bzw. das Eingreifen in deren Territorien und Rechte öffentlich zu machen.

All diese Erfahrungen, Begegnungen und Gespräche sind es wert, erzählt zu werden. Das ist mein Ziel mit diesem Blog. Das sind Themen, die mir wirklich am Herzen liegen und die eine gewisse Ernsthaftigkeit erfordert. Neben diesen Themen möchte ich mich auch mit Alltäglichem beschäftigen- das, was unser Leben ausmacht und uns jeden Tag begegnet. Ich betrachte das Leben positiv und versuche das Beste aus jeder Situation zu machen. Das ist auch etwas, was ich erst dank der Auslandsaufenthalte lernen konnte.

Dies waren meine wichtigsten Erkenntnisse:

  • Ein Auslandsaufenthalt ist immer eine gute Idee, wenn du offen für neue Kulturen, Ansichten und Lebensweisen bist. Ich spreche nicht von kurzen Städtetrips oder Strandurlaub in vom Massentourismus überfüllte Orte, sondern Aufenthalte, bei denen man offenen Herzens Fremden begegnet, Freundschaften schließt, neugierig „hinter die Kulissen“ schaut und zu einem Kulturaustausch beiträgt.
  • Eine Reise jeglicher Art ist immer gut, wenn man mal einen Tapetenwechsel und eine Auszeit braucht- doch sie löst keine zuvor ungelösten Probleme auf magische Weise. Mein erstes Jahr in Kolumbien war unter anderem auch eine Flucht von meinem Leben in Deutschland. Immer wenn ich in Cartagena am Meer stand dachte ich „All meine Probleme sind sooo weit weg. Ein ganzer Ozean liegt dazwischen.“ Doch kaum war ich zurück, wurde ich mit den selben Problemen konfrontiert und musste lernen, sie auf eine andere Art zu lösen.
  • Ein Auslandsaufenthalt kann einen verändern bzw. helfen, sich selbst besser kennen zu lernen. Ich habe erkannt, dass es zuerst eine Art Flucht für mich war, von Berlin, der Vergangenheit, mir selbst. Ich wollte jemand anderes sein, doch es funktionierte nicht. Ich schloss viele Freundschaften, die mir zeigten, dass ich so wie ich bin, gut bin! Manchmal etwas zu direkt, zu verpeilt, manchmal etwas tollpatschig, sehr sensibel und oft introvertierter als ich zugeben wollte, doch im Endeffekt dadurch auch sympathisch, einfühlsam und lustig (wenn mir wieder etwas Peinliches passierte). Und ich erkannte, was ich alles liebe: Abenteuer und Neuanfänge, jugo de corozo, arepa de huevo und mango biche in Cartagena, Touren zu Höhlen und zu Wasserfällen, richtig guten Kaffee, lateinamerikanische Musik, nachts im Wald Glühwürmchen sehen oder im mexikanischen Bundesstaat Morelos die Monarchfalter beobachten, Tauchen mit Walhaien in Mexiko, tacos al pastor, cochinita pibil, nopales uvm.
  • Dass Lateinamerika so viel mehr ist als das, was die Medien uns erzählen. Von abschreckenden Nachrichten in den Medien bis hin zur Romantisierungen der Tourismusbranche: Alles sollte hinterfragt werden. Es ist besser, sich selbst ein Bild zu machen und nicht alles zu glauben, was einem erzählt wird. Jedes Land Lateinamerikas ist einzigartig und unterschiedlich, so, wie jede Stadt, Region und Kultur.
  • Erst zurück in Berlin habe ich die lebendige Latino-Kultur Berlins kennengelernt und bin so froh, dass es Orte wie Andenbuch, den mexikanischen Laden Chili&Paprika, die Bar La Minga und viele Restaurants gibt, an denen sehr lecker und authentisch gekocht wird.

Dies möchte ich mit euch teilen und einige Inspirationen liefen- von einfachen Rezepten, die sogar mir gelingen, bis hin zu persönlichen Geschichten, Empfehlungen uvm.

Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen! Am besten mit einem Café con leche oder Pisco Sour in der Hand (je nach Tageszeit) 🙂

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