COVID-19: Blick nach Lateinamerika

Erst vor einigen Wochen war ich noch in Los Angeles und plante, weiter nach Guatemala und Kolumbien zu reisen. Als Guatemala direkt nach Trump´s Einreisestopp ebenfalls die Grenzen schloss und andere Länder bald nachziehen würden, hatte sich das Thema erledigt und wir mussten umplanen: Rückflug nach Berlin.

Zurzeit hält COVID-19 die Welt in Atem und beeinflusst unser gewohntes Leben. Wie der Nachrichtenpool Lateinamerika in seiner onda-Podcast-Folge „Corona in Lateinamerika“ hervorhebt, werden wir im Minutentakt über aktuelle Entwicklungen in Italien, Spanien und Deutschland informiert. Über viele Weltregionen hören wir aber kaum etwas, obwohl das Virus vor Grenzen keinen Halt macht (vgl. Nachrichtenpool Lateinamerika 2020: o.S.).Und sie haben recht: „Lateinamerika ist wieder einmal fast komplett vom medialen Radar verschwunden“ (ebd.).

Von meinen Aufenthalten in Kolumbien und Mexiko weiß ich, dass es schon unter normalen Umständen schwierig ist, nach stundenlangem Warten in einem öffentlichen Krankenhaus ranzukommen. Wie geht es den Menschen momentan vor Ort und welche Maßnahmen ergreifen die einzelnen Länder?

Sehr informativ, allgemein zu News aus Lateinamerika und konkret zur jetzigen Situation, finde ich das Magazin Lateinamerika Nachrichten, das seinen Sitz in Berlin hat und auch online publiziert. Klicke hier um zur Seite zu gelangen. Außerdem kann ich sehr den „npla onda podcast“ vom Nachrichtenpool Lateinamerika empfehlen!

Coronavirus in Lateinamerika

Wie BBC News online am 3. April berichtet, hätte sich das Virus in Lateinamerika vor allem seit vergangener Woche intensiviert (vgl. Wallace 2020: o.S.). Miguel Lago, Direktor des Institutes für Studien zur Gesundheitspolitik (auf Spanisch Instituto de Estudios para Políticas de Salud, kurz IEPS) mit Sitz in Rio de Janeiro warnt, dass Lateinamerika zur Covid-19-betroffensten Region der Welt werden könnte (vgl. BBC News Mundo 2020: o.S.). Gründe dafür seien einerseits die komplexen Gesundheitssysteme Lateinamerikas als auch die Tatsache, dass weniger Ressourcen in das öffentliche Gesundheitssystem investiert wurden (vgl. ebd.).

Wie auch im onda-Podcast des Nachrichtenpool Lateinamerika betont wird, ist Gesundheit in Lateinamerika eine Ware, die man sich leisten können muss. Und auch die Quarantäne sei für viele, die arbeiten gehen müssen um Geld zu verdienen, kaum zu bewerkstelligen (vgl. Nachrichtenpool Lateinamerika 2020: o.S.).

Alles deutet darauf hin, dass dies auch nur die Spitze des Eisbergs ist und sowohl Ansteckungen als auch Todesfälle nicht ausreichend registriert werden können (vgl. Wallace 2020: o.S.). Die Realität übersteigt bei Weitem die offiziellen Zahlen (vgl. ebd.). Die lateinamerikanischen Ziffern sind zwar niedriger im Vergleich zu den Zahlen aus den USA, Italien, Spanien, China, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, doch das Virus hat sich dort auch erst später ausgebreitet. Trotzdem zeigt gerade die Situation in Ländern wie Ecuador, mit den meisten Corona-Toten in Lateinamerika nach Brasilien, wie stark die Auswirkungen der Pandemie auf ein schwaches Gesundheitssystem sind (vgl.ebd.).

Wie auch BBC News Mundo berichtet, weist Ecuador in Bezug auf Infektionen per capita eine der höchsten Raten weltweit auf (vgl. BBC News Mundo 2020: o.S.). Somit kamen zu den tausenden von Fotos von leeren Städten und kollabierenden Krankenhäusern weltweit letzte Woche aus der ecuadorianischen Stadt Guayaquil Fotos und Videos von auf der Straße sterbenden Menschen und Toten hinzu (vgl. Zibell 2020: o.S.). Die Auswirkungen des Kollapses des Bestattungssystems dieser Region seien so gravierend, dass der amtierende Präseident Ecuadors, Lenín Moreno, eine Taskforce ins Leben gerufen hat, um alle Verstorbenen überhaupt beerdigen zu können (vgl. ebd.).

Obwohl Brasilien das Land mit den meisten registrierten Covid-19-Erkrankungen Lateinamerikas ist und es Anfang April 8.066 Fälle zählte und somit weit vor den 3.404 Fällen in Chile und den 3.163 in Ecuador liegt, muss beachtet werden, dass ca. 3,8 Fälle auf 100.000 BewohnerInnen kommen (vgl. Wallace 2020: o.S.). Aber in einem Land mit fast 210 Millionen Einwohnern entspricht dies etwas mehr als 0,1 Todesfällen pro 100.000 Einwohner, was im Gegensatz zur Situation in der Dominikanischen Republik (0,5), in Ecuador (0,7) und vor allem in Panama steht, wo die Zahl der Todesfälle bei etwa 0,9 liegt (vgl. ebd.).

Regionale Ungleichheit

Die Unterschiede in der Testkapazität erklären zum Teil auch die Unterschiede im Prozentsatz der Todesfälle wegen Covid-19 zwischen den Ländern Lateinamerikas, obwohl dieser Indikator auch von der Kapazität ihrer Gesundheitssysteme und dem Zeitpunkt der Epidemie beeinflusst wird (vgl. ebd.).

Dr. Marcos Espinal, Direktor der Abteilung für übertragbare Krankheiten der Panamerikanischen Organisation für Gesundheit (auf Spanisch Organización Panamericana de Salud, kurz OPS) sagte, dass diese Epidemie eine neue Lektion darüber sein wird, wie wichtig es ist, in die Gesundheit zu investieren und dies rechtzeitig und gut zu tun (vgl. ebd.).

Chile

Nach Angaben des chilenischen Gesundheitsministeriums gab es zum 3. April 3.737 bestätigte Fälle von Covid-19 (die zweithöchste absolute Zahl von Fällen in Südamerika) und 22 Todesfälle (vgl. BBC News Mundo 2020: o.S.). So meldet Chile eine Sterblichkeitsrate von 0,5%, ähnlich wie Länder wie Südkorea, Deutschland oder Japan vor dem Höhepunkt der Ansteckung, die international für ihre Strategien im Umgang mit der Krankheit anerkannt sind. Einer der Gründe für die bisher erfolgreiche Strategie Chiles liegt in der Menge an Tests, die täglich in dem südamerikanischen Land durchgeführt werden. Nach Angaben der Regierung von Sebastián Piñera werden im Durchschnitt täglich etwa 3.000 diagnostische Tests durchgeführt. Dies stellt nach Angaben des Präsidenten die höchste Gesamtzahl von Tests pro EinwohnerInnen in Lateinamerika dar (vgl. ebd.).

Panama

In Lateinamerika zeichnet sich Panama durch eine fragwürdige Maßnahme aus: nämlich, dass Männer und Frauen nicht am selben Tag auf die Strasse gehen können (vgl. BBC News Mundo 2020: o.S.)! Während des gesamten Monats April dürfen Frauen nur montags, mittwochs und freitags in Supermärkte, Banken und Apotheken gehen, während Männer dienstags, donnerstags und samstags dazu berechtigt sind. Und sonntags? Da bleibt jeder zu Hause (vgl. ebd.).

Auch Peru entschied sich für diese Maßnahme, an die sich die Bevökerung bis mindestens zum 12. April halten muss (vgl. ebd.).

Brasilien

Ende März wiederholte der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro seine Meinung, dass es „nur eine kleine Grippe oder Erkältung“ sei, während er die Medien erneut beschuldigte, Hysterie und Panik um den Covid-19 zu säen (vgl. BBC News Mundo 2020: o.S.). Zudem betonte er, dass die Wirtschaft nicht darunter leiden dürfe. Wortwörtlich sagte er:

„Menschen werden sterben, es tut mir leid, aber wir können eine Autofabrik nicht aufhalten, weil es Verkehrsunfälle gibt“

BBC News Mundo 2020: o.S.

Wie Brian Winter, Chefredakteur von Americas Quartely, einer Publikation von Analyse über Lateinamerika, verdeutlicht, steht Jair Bolsonaro ziemlich alleine mit dieser Ansicht da, da keine andere wichtige Führungskraft die Schwere des Problems in dem Maße leugnet, wie er es tut, und je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln, könnte diese Strategie in Brasilien viele Menschenleben kosten (vgl. ebd.).

Guatemala

Besonders skrupellos ist es dann, wenn Politiker diese Krise ausnutzen um Gewinne zu erzielen. In ihrer aktuellen April-Ausgabe berichtet die Zeitschrift Lateinamerika Nachrichten über den guatemaltekischen Präsidenten Alejandro Giammatei, der die Erkrankung COVID-19 als Schützenhilfe missbraucht (vgl. Castillo und Salas 2020: o.S.).

Seit Amtsantritt des Präsidenten Giammatei im Januar diesen Jahres sei die Tendenz zu einer autoritären Regierungsführung, der verstärkte Einsatz des Militärs und Feinseligkeit gegenüber VerteidigerInnen von Menschen- und Landrechten zu beobachten (vgl.ebd.). Dabei macht die Regierung Gebrauch vom Ausnahmezustand (wegen zu hoher Unsicherheit, starker Regenzeit etc.) um, wie es offiziell in einer Rede des Präsidenten hieß, „Verbrechen zu verhindern, aber vor allem die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten“ (ebd.).

Dieser Gebrauch des Ausnahmezustandes hätten in der Geschichte Guatemalas schon Tradition, so die AutorInnen des Artikels (vgl.ebd.). Seit den siebziger Jahren sei der Ausnahmezustand immer wieder ausgerufen worden, um Aufstände zu bekämpfen (vgl.ebd.). Dabei ginge es vor allem um Sicherheitsfragen, aber auch um Konflikten zwischen Unternehmen und Gemeinschaften mit der Zivilgesellschaft, bei denen der Staat dank des Ausnahmezustandes eingreifen kann (vgl. ebd.).

 „Hinzu kommt aktuell, dass der zur Bekämpfung der Epidemie von COVID-19 ausgerufene Katastrophenfall nun dazu genutzt wird, wichtige Entscheidungen hinter verschlossenen Türen zu treffen. So geschehen im Fall der Wahl der amtierenden und stellvertretenden Richter des Obersten Wahlgerichtshofes (TSE), die eine entscheidende Rolle bei der Regelung und Überwachung des Verhaltens der politischen Parteien, ihrer Finanzierung und ihrer Aktivitäten spielen.“

(Castillo und Salas 2020: o.S.)

Mexiko

Für viele MexikanerInnen galt der linke Präsident Andrés Manuel López Obrador als Hoffnungsträger des Landes. In der Corona-Krise appelliert er nun für Ehrlichkeit , Nächstenliebe und Umarmungen (vgl. Nachrichtenpool Lateinamerika 2020: o.S.). Wegen der frivolen Verantwortungslosigkeit ergreift die Bevölkerung selbst ihren Schutz. Auch indigene und zapatistische Gemeinden in Chiapas schotten sich ab (vgl. ebd.).

Wie die Zeitung El País aktuell am 7. April berichtet, ist in Mexiko die Zahl der Todesfälle auf 125 und die bestätigten Fälle auf 2.439 angestiegen (vgl. Salinas Maldonado 2010: o.S.). Die teilweise und freiwillige Gefangenschaft , mit geschlossenen Geschäften, ist im Land noch bis zum 30. April in Kraft. Die Grenzstaaten Baja California, Nuevo León und Tamaulipas leben in Angst vor der Zunahme der Fälle in den Vereinigten Staaten, und die Behörden haben ihre MigrantInnen gebeten, „während der Osterwoche nicht zu kommen“ (ebd.).

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